Wildkraut Giersch

Wildkraut Giersch

Steckbrief Aegopodium podagraria

  • Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
  • Volksnamen: Geißfuß, Dreiblatt, Zipperleinskraut, Podagrakraut
  • Lebensdauer: ausdauernde Staude
  • Höhe: 30–100 cm
  • Blüte: Juni bis August
  • Blütenfarbe: weiß
  • Standorte: Gärten, Waldränder, Hecken, Parks, Bachufer, nährstoffreiche Böden
  • Verbreitung: nahezu ganz Europa und Westasien

Erkennungsmerkmale

  • Das wichtigste Erkennungsmerkmal ist der Blattstiel.
  • Merksatz: „Drei mal Drei macht Giersch.“ Ein vollständiges Blatt besteht aus drei Blattgruppen, die wiederum meist aus drei Einzelblättern bestehen.

Weitere Merkmale:

  • dreikantiger Blattstiel
  • Blattunterseite heller
  • gezähnter Blattrand
  • glänzend frisches Grün
  • aromatischer Geruch zwischen Petersilie und Möhre

Blüten:

  • weiße Dolden
  • viele kleine Einzelblüten
  • Blütezeit Juni bis August

Verwechslungsgefahr

Die Familie der Doldenblütler enthält mehrere tödlich giftige Arten. Mögliche Verwechslungen:

  • Gefleckter Schierling  tödlich giftig
  • Hundspetersilie             giftig
  • Wasserschierling          extrem giftig
  • Gartenpetersilie            ungiftig

Wichtig:

Nicht nach den Blüten bestimmen. Giersch sollte ausschließlich über die Blätter und den dreikantigen Blattstiel erkannt werden.

Sammelzeit

Frühjahr (März–Mai)

Die beste Sammelzeit.

Junge Blätter:

  • sehr zart
  • wenig Bitterstoffe
  • hoher Vitamin-C-Gehalt, Carotinoiden und ätherischen Ölen
  • besonders aromatisch

Jetzt lohnt sich das Sammeln am meisten.

Sommer (Juni–August)

Nach der Blüte werden die Blätter:

  • fester
  • aromatischer
  • teilweise bitterer

Sie eignen sich besonders für:

  • Suppen
  • Gemüse
  • Pesto
  • Kräuterbutter

Herbst (September–Oktober)

Mit den ersten kühleren Nächten erscheinen erneut junge Triebe.

Diese besitzen wieder fast Frühlingsqualität. Die Pflanze speichert Reservestoffe für den Winter und jetzt kann man nochmals größere Mengen einfrieren.

Für viele Sammler ist dies eine zweite Haupternte.

Welche Pflanzenteile werden verwendet?

  • ✔ junge Blätter
  • ✔ ältere Blätter gekocht
  • ✔ Triebspitzen
  • ✔ Blüten
  • ✔ junge Samen
  • Die Wurzeln werden selten genutzt.

Inhaltsstoffe:

Giersch gehört zu den nährstoffreichsten heimischen Wildpflanzen. Enthalten sind u. a.:

  • Vitamin C
  • Vitamin A (Carotinoide)
  • Vitamin E
  • Kalium
  • Magnesium
  • Eisen
  • Calcium
  • Mangan
  • Kieselsäure
  • Chlorophyll
  • Flavonoide
  • ätherische Öle

Heilpflanze

Der botanische Name weist bereits darauf hin.

Aegopodium podagraria, wobei „Podagraria“ bedeutet: „Pflanze gegen Gicht (Podagra).“

Historisch wurde Giersch eingesetzt bei:

  • Gicht
  • Rheuma
  • Blasenbeschwerden
  • Frühjahrskuren
  • Entwässerung

Die moderne Forschung bestätigt zwar einige entzündungshemmende und antioxidative Inhaltsstoffe, jedoch gibt es bislang keine hochwertigen klinischen Studien, die eine Wirksamkeit bei Gicht oder anderen Erkrankungen eindeutig belegen. Er kann daher als traditionell verwendete Heilpflanze betrachtet werden, ersetzt aber keine medizinische Behandlung.

Verwendung in der Küche

Roh:

  • Salate
  • Kräuterquark
  • Smoothies
  • Kräuterbutter
  • Brotaufstrich

Gekocht:

  • Spinat
  • Suppen
  • Gemüse
  • Aufläufe
  • Omelett
  • Pesto

Blüten:

  • essbare Dekoration
  • Kräuteressig, Käuterbutter

Samen:

  • Gewürz ähnlich Petersilie

Konservierung

  • Kühlschrank
  • Im feuchten Tuch: 2–4 Tage

Einfrieren:

  • Sehr gut geeignet. Für den Gefrierschrank würde ich immer nur die jüngsten Blätter verwenden. Ältere Sommerblätter werden nach dem Auftauen schnell zäh.

Empfehlung:

  • waschen
  • trockenschleudern
  • grob schneiden
  • portionsweise einfrieren

Alternativ:

Kurz blanchieren (20–30 Sekunden), wenn die Blätter später wie Spinat verwendet werden sollen. Für Pesto oder Smoothies ist auch das Einfrieren ohne Blanchieren gut geeignet.

Trocknen:

  • Nur eingeschränkt empfehlenswert. Dabei gehen: Aroma, Vitamin C und Farbe deutlich verloren.

Fermentieren:

  • Sehr gut geeignet. Gemeinsam mit: Brennnessel, Löwenzahn, Spitzwegerich entsteht ein aromatisches Wildgemüse.

Kräutersalz:

  • Sehr empfehlenswert.

Geschichte

Antike

Bereits die Römer kannten Giersch. Wahrscheinlich brachten sie ihn gezielt als Gemüse- und Heilpflanze nach Mitteleuropa.

Mittelalter

In nahezu jedem Klostergarten vorhanden. Er wurde für folgendes verwendet:

  • Gicht
  • Rheuma
  • Fastenspeisen

Hildegard von Bingen erwähnt Giersch nicht ausdrücklich, doch in der mittelalterlichen Klostermedizin spielte er eine bekannte Rolle.

Bis etwa 1950

Selbstverständliches Wildgemüse. In Notzeiten diente der Giersch als:

  • Suppengemüse
  • Spinatersatz
  • Viehfutter

Nach 1950

Mit zunehmendem Wohlstand verschwand Giersch weitgehend aus der Küche. Er wurde nun hauptsächlich als: „hartnäckiges Unkraut“ bekannt.

Seit etwa 1980

Beginn der Wiederentdeckung.

  • Naturkostbewegung
  • Wildkräuterseminare
  • Kräuterpädagogik
  • Permakultur

Heute

  • Giersch erlebt eine Renaissance.
    • regionales Lebensmittel
    • kostenloses Wildgemüse
    • klimafreundliche Nahrung
    • Bestandteil einer naturnahen Gartenkultur

Garten

Früher wurde Giersch in Bauerngärten oft nicht einfach „geerntet“, sondern regelmäßig abgemäht. Dadurch trieb er ständig neu aus und lieferte über Monate hinweg frische Blätter. Aus heutiger Sicht ist das eine sehr sinnvolle Erntestrategie. Giersch breitet sich über unterirdische Rhizome äußerst stark aus.

Vorteile:

  • dauerhafte Ernte, Tip: Bestand 5-10 cm über dem Boden abschneiden.
  • sehr robust
  • frosthart
  • trockenheitsverträglich

Nachteil:

  • verdrängt andere Pflanzen

Interessantes

  • Der Name „Giersch“ leitet sich vermutlich vom althochdeutschen gir für „gierig“ oder „begehrenswert“ ab; eine eindeutige Herkunft ist jedoch nicht gesichert.
  • Ein Bestand kann mehrere Jahrzehnte alt werden.
  • Wildbienen und Schwebfliegen besuchen die Blüten häufig.
  • Für viele Schmetterlingsarten dient Giersch als Nahrungsquelle.

Fazit

Giersch ist weit mehr als ein „Unkraut“. Er verbindet eine lange Kulturgeschichte mit einem hohen Nährstoffgehalt und vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten. Wer ihn sicher bestimmen kann, gewinnt eine nahezu ganzjährig verfügbare Wildpflanze, die besonders im Frühjahr und mit dem frischen Herbstaustrieb kulinarisch überzeugt.


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