Wildkräuter

Essbare Wildkräuter

Heilpflanzen

Giftige Pflanzen

Gäser

Hintergrund der Sammlung

Vor fast fünf Jahren habe ich mit Hilfe einer Gartengemeinschaft den Stadtgarten in einen Nutzgarten umgewandelt. Usprünglich gehörten zu dem Gartenprojekt noch 50 bis 100 qm Acker außerhalb des Grundstückes. Diesen Projektteil beendeten wir Ende 2025. Stattdessen gehören seit März 2026 vier Hühner zum Nutzgarten.

Im Rahmen der Unkrautbekämpfung entdeckten wir das Thema Wildkräuter neu. Anbei ein kurzer Abriß der jüngeren Geschichte. Immer wenn erstmalig ein Wildkraut genannt wird, kann die Verlinkung zu einem Blogeintrag existieren.

Bis 1850 – Wildkräuter gehören zur Ernährung

Für unsere Vorfahren gab es keine Trennung zwischen „Gemüse“ und „Wildkräutern“.

Im Frühjahr wurden Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Vogelmiere und Spitzwegerich, um nur die einpägsamsten zu nennen, gesammelt.

Viele Bauerngärten bestanden zur Hälfte aus Kulturpflanzen und zur Hälfte aus Wildpflanzen, die einfach geduldet wurden.

Portulak wurde sogar gezielt angebaut. Bereits die Römer kannten ihn als Gemüse.

Giersch wurde in Klostergärten kultiviert und galt als Heilpflanze gegen Gicht – daher sein botanischer Name podagraria („Podagra“ = Gicht).

1850 bis 1914 – Industrialisierung

Jetzt verändert sich die Ernährung langsam.

  • Die Eisenbahn ermöglicht den Transport großer Mengen Gemüse.
  • Saatgutunternehmen entstehen.
  • Es werden Zuchtsorten entwickelt:
    • Kopfsalat
    • Blumenkohl
    • Kohlrabi
    • Buschbohnen

Wildkräuter bleiben zwar Bestandteil der ländlichen Küche, gelten aber zunehmend als Nahrung der armen Bevölkerung.

Erster Weltkrieg

Wildpflanzen gewinnen wieder enorme Bedeutung.

  • Nicht nur auf dem Land.
  • In den Städten entstehen Sammelanleitungen.
  • Schulen schicken Kinder zum Kräutersammeln.

Gesammelt werden unter anderem:

  • Brennnesseln
  • Löwenzahn
  • Bucheckern
  • Hagebutten
  • Lindenblüten

Viele Veröffentlichungen aus dieser Zeit lesen sich heute wie moderne Wildkräuterbücher.

Zwischenkriegszeit

Wieder werden Wildpflanzen lebenswichtig.

Es entstehen Broschüren mit Titeln wie: „Unsere Wildgemüse“ oder „Essbare Wildpflanzen“. Kinder lernen sie sogar in der Schule kennen.

Nach 1945

Hier beginnt der eigentliche Wandel. Zunächst sind Wildkräuter noch wichtig. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung verändert sich vieles.

Der Kühlschrank

Früher musste gegessen werden, was gerade wuchs. Jetzt konnte man Lebensmittel lagern.

Der Supermarkt

Plötzlich gab es:

  • Tomaten
  • Gurken
  • Eisbergsalat
  • Paprika
  • Orangen

das ganze Jahr und der saisonale Rhythmus ging verloren.

Die Landwirtschaft

Herbizide wurden zum Symbol des Fortschritts. „Unkrautfrei“ galt als ordentlich. Giersch wurde nun nicht mehr gegessen. Er wurde bekämpft.

Die Werbung

Wildkräuter hatten ein Imageproblem. Sie galten als

  • arm
  • altmodisch
  • rückständig

Schnelles Kochen mit vorbereiteten Speisen galt als fortschrittlich. Die Küche diente zum auftauen und warm machen. Eine aufgeräumte Küche mit vielen Elektrogeräten förderte das Image. Es setzte sich durch:

  • Dosenkost
  • Tiefkühlkost
  • Fertiggerichte

Ab etwa 1980

Langsam beginnt eine Gegenbewegung.

  • Naturkostläden entstehen.
  • Kräuterpädagogen bilden aus.
  • Alte Kochbücher werden wieder gelesen.

Man entdeckt: Wildkräuter enthalten oft deutlich mehr

  • Vitamin C
  • Calcium
  • Eisen

und sekundäre Pflanzenstoffe als viele Kulturpflanzen.

Heute

Heute erleben Wildkräuter eine Renaissance. Allerdings gibt es zwei Entwicklungen. Die eine ist wissenschaftlich geprägt. Universitäten untersuchen:

  • Polyphenole
  • Antioxidantien
  • Omega-3-Fettsäuren
  • Mineralstoffe

Die andere ist eher kulinarisch.

  • Spitzenköche verwenden Wildkräuter wegen ihrer Aromen.
  • Viele Restaurants sammeln heute wieder selbst.

Das Wissen ging aus fünf wesentlichen Gründe verloren:

  1. Wohlstand, Man musste nicht mehr sammeln. Nur spezialisierte Tätigkeit am Schreibtisch oder in der Produktion galt als erfolgreiche Tätigkeit. Eine Hausfrau, die ihre Familie mit frischen Wildkräutern versorgte galt als rückständig. Haushalte mit Pommes und Eierravioli waren modern.
  2. Chemisierung, Unkraut wurde zum Feind.
  3. Urbanisierung. immer weniger Menschen lebten mit einem Garten.
  4. Bildung, in den Schulen verschwand Pflanzenkunde zunehmend aus dem Alltag.
  5. Vermarktung, mit Wildkräutern ließ sich lange kaum Geld verdienen.

Ein Gierschblatt kostet nichts. Ein Kopfsalat oder eine Tüte Rucola schon.

Vor 150 Jahren war Portulak ein normales Gartengemüse. Dann verschwand er fast vollständig. Heute wird er unter seinem französischen Namen (Pourpier) oder englischen Namen (Purslane) in der Spitzengastronomie wiederentdeckt – oft zu deutlich höheren Preisen als klassischer Salat.

Ähnlich ist es mit der Vogelmiere, die früher oft im Bauerngarten geerntet wurde und heute gelegentlich als „Microgreen“ angeboten wird.

Das zeigt, wie sich unsere Wahrnehmung verändert: Was früher alltäglich war, gilt heute teilweise als Delikatesse oder die Heilwirkung wird wieder hervorgehoben.